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Gastbeitrag: Neuzugänge, bevor sie Neuzugänge sind (von retrosoulsborne.nl)

by Patrick

Die Ernüchterung vorweg

Wenn hier eine Kiste ankommt, ist der wahrscheinlichste Inhalt sehr banal: zehn Fußballspiele, drei Filmlizenzen, ein Partyspiel mit Buzzern und irgendwo darunter ein Controller ohne Kabel. Der Fund ist die Ausnahme, die Kiste ist die Regel.

Ich schreibe das gleich an den Anfang, weil ich in der Neuzugänge-Rubrik hier immer die schöne Seite sehe: das eine Teil, das jemand gesucht, gefunden und dann fotografiert hat. Ich stehe eine Station davor und kaufe gebrauchte Sammlungen an, Dachbodenkisten, Kellerregale, aufgelöste Kinderzimmer.

Kurz zu mir, damit niemand falsche Erwartungen hat: Ich bin über den Handel in das Thema reingerutscht, nicht über eine Kindheit mit dem SNES. Meine eigene Zeit war PSP und 3DS. Ich erzähle also keine Nostalgiegeschichten, die mir nicht gehören. Was ich habe, ist eine Stichprobe: rund 750 Artikel in neunzehn Monaten, und die verrät ein paar Dinge, die man aus dem eigenen Regal heraus nicht sieht.

Es fängt mit einer Nachricht an, die fast immer gleich klingt

„Hallo, ich habe hier noch eine Kiste von meinem Bruder stehen, keine Ahnung was das wert ist.“ Das ist die häufigste erste Zeile, die bei mir aufschlägt. Meistens kommt sie über Marktplaats, das ist bei uns in den Niederlanden das, was bei euch eBay Kleinanzeigen ist. Ich habe da eine Ankaufsanzeige laufen, mehr braucht es nicht.

Dann kommen Fotos. Fast immer schlechte, fast immer von oben, fast immer so, dass man die Rückseiten der Module nicht lesen kann. Ich frage dann nach genau zwei Dingen: die Unterseite der Konsole und die Rückseiten der Module. Das klingt pedantisch, ist aber im Grunde der ganze Job.

Dazwischen liegt ein Preisgespräch, und das beginnt fast immer an derselben Stelle. Der Markt hat sich korrigiert, die Spekulationsblase ist raus, den Preis machen wieder Seltenheit und Zustand. Nur sitzt gefühlt jeder zweite Verkäufer noch auf den Erwartungen von damals, weil er die teuerste Anzeige gegoogelt hat. Ich rechne mit tatsächlich gezahlten Preisen, nicht mit Angebotspreisen. Das kostet mich regelmäßig die Kiste. Es kostet mich nie die Glaubwürdigkeit.

Die Kiste steht auf dem Tisch

Ich mache das alleine, seit Ende Dezember 2024, von zu Hause aus. Kein Ladenlokal, kein Team. Eine Sammlung landet hier also buchstäblich bei mir auf dem Tisch.

Sortiert wird nicht nach Spielen, sondern nach Codes. Bei GameCube steht auf dem Boden entweder DOL-001 oder DOL-101, und nur das eine Modell hat den digitalen AV-Anschluss. Bei PS3 spielt ausschließlich die frühe Phat mit Emotion Engine noch PS2-Discs. Bei der Wii spielt die RVL-001 GameCube-Spiele, die späteren Modelle nicht mehr. Von außen sieht man das kaum.

Bei Modulen zählt das Suffix. PAL ist keine Region, PAL ist ein Flickenteppich: NOE, UKV, HOL, FAH, SCN, ITA, AUS, später EUR für alles zusammen. Für euch ist NOE der Normalfall, für mich einer von sechs, weil hier historisch alles kreuz und quer verkauft wurde. Zwei optisch identische SNES-Module mit unterschiedlichem Suffix sind nicht dasselbe Produkt. Das sieht nur, wer auf den Aufkleber schaut statt aufs Cover.

Die Zettel

Das Merkwürdigste an dem Job sind nicht die seltenen Spiele. Es sind die Sachen, die niemand absichtlich mitverkauft hat.

Namen auf Modullabels, mit Kugelschreiber, in Kinderschrift. Manchmal nur ein Vorname, manchmal der Nachname dazu, als wäre das Modul mit in die Schule gegangen. Preisschilder von Läden, die es seit fünfzehn Jahren nicht mehr gibt. Ausleihaufkleber von Videotheken. In Anleitungen finde ich Einkaufszettel, Lesezeichen, einmal eine handgemalte Karte zu einem Spiel, das gar keine Karte braucht, weil das Kind sie sich trotzdem gemacht hat.

Nichts davon hat einen Wert. Wegwerfen fühlt sich falsch an, aufheben ergibt keinen Sinn. Also liegt hier eine kleine Kiste mit fremdem Kleinkram herum, die keinen Zweck erfüllt.

Fremde Spielstände

Der Teil, an den ich mich am wenigsten gewöhne, sind die Speicherstände. Man macht eine Konsole an, um zu prüfen, ob sie überhaupt bootet, und im Menü stehen drei Slots mit den Vornamen einer Familie. Oder in einem Modul steckt noch ein Team mit Spitznamen, die sich vor zwanzig Jahren jemand ausgedacht hat. Ein Spielstand bei fünfundneunzig Prozent, weil die letzten Sammelsachen nie gefunden wurden.

Technisch ist das nichts. Praktisch ist es eine Zeitkapsel von einem Nachmittag, den ich nie erlebt habe. Und weil Speicherbatterien fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahre halten, ist das meiste davon längst weg. Was ich sehe, ist der Rest, der es zufällig noch geschafft hat.

Was behalten wird, und was im Altpapier landet

Es gibt ein Muster, und es ist stabil. Behalten wird die Hardware und alles, was teuer aussieht. Weggeworfen wird, was nach Papier aussieht: Anleitungen, Inlays, Pappeinleger. Kabel und der zweite Controller verschwinden auch zuerst, weil die in einer anderen Schublade gelandet sind als die Konsole und nie wieder zusammengefunden haben.

Also genau die Dinge, an denen sich heute Vollständigkeit entscheidet. Ich führe inzwischen lose Anleitungen als eigene Warengruppe. Jemand hat das Heftchen entsorgt und das Modul behalten, und dreißig Jahre später schließt jemand anderes damit eine Lücke.

Konsolen sind im Zulauf übrigens viel seltener, als alle denken: auf jede Konsole kommen hier ungefähr siebzehn Spiele. Dachböden liefern Stapel von Software und fast nie ein vollständiges Gerät mit passendem Kabel und einem Controller, der noch alle Richtungen kann.

Und ein Gefälle, das mich überrascht hat: die Modulgeneration verschwindet hier etwa doppelt so schnell wieder wie die Disc-Generation, obwohl von beidem ungefähr gleich viel im Regal steht. Was reinkommt und was rausgeht, sind zwei verschiedene Stapel. Eine Handvoll Pokémon-Titel steht gegen weit über hundert andere Handheldspiele, und trotzdem ist Pokémon das Einzige, was komplett von selbst weggeht. Es ist gleichzeitig das am stärksten gefälschte Segment, das mir begegnet.

Kaputt ist meistens nicht kaputt

Erstaunlich viel von dem, was mir als defekt angeboten wird, ist nicht defekt. Der Klassiker ist der N64, bei dem irgendwann jemand den Steckplatz oben leergeräumt hat: Lämpchen an, Bild schwarz, Diagnose gestellt, Konsole abgeschrieben. Beim SNES übernimmt oft das falsche Kabel diese Rolle.

Ich schreibe das nicht als Anleitung, sondern als Beobachtung darüber, wie viel funktionierende Hardware als Elektroschrott gilt. Es geht genauso andersherum. Ich habe Sachen als „läuft einwandfrei“ angenommen, die auf meinem Tisch dreimal hintereinander abgestürzt sind. Beide Fehler macht man so lange, bis man sie einmal teuer gemacht hat.

Was immer mitläuft, ist die Uhr. Elektrolytkondensatoren halten zwanzig bis dreißig Jahre, womit die NES- und SNES-Generation gerade in dem Fenster sitzt, über das die Museumsleute reden. Man kauft nie eine Sammlung, man kauft einen Zeitstand.

Die Station dazwischen

Danach wird es unspektakulär: prüfen, testen, reinigen, fotografieren, beschreiben, wegräumen. Es riecht nach Isopropanol und Kartonstaub und dauert länger, als es klingt.

Zwei Bitten an alle, die irgendwann mal eine Sammlung verkaufen. Erstens: nicht die teuerste Anzeige im Internet als Wert nehmen. Zweitens: den Karton mit den Heftchen nicht wegwerfen. Der ist oft das Interessantere.

Und irgendwann steht so ein Ding dann bei jemandem auf dem Schreibtisch, wird fotografiert, Kaffee daneben, Überschrift Neuzugänge. Ich finde das jedes Mal ziemlich gut. Eure Neuzugänge sind der aufgeräumte Dachboden von jemand anderem, und ich bin nur die Station dazwischen.

Autorenzeile

Emilio betreibt RetroSoulsBorne (retrosoulsborne.nl), einen niederländischen Ein-Mann-Shop für originale PAL-Spiele und Konsolen von Nintendo, Sony und Microsoft. Seit Dezember 2024 kauft er Sammlungen an, testet, reinigt und fotografiert alles selbst.

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