Stellt euch folgende Situation vor: Ihr sitzt vor A Link to the Past und kommt nicht weiter, weil euch der Hammer fehlt. Der liegt aber nicht in irgendeinem Dungeon in Hyrule – sondern in Super Metroid, versteckt hinter einer Wand auf Zebes. Und die Person, die ihn dort finden muss, ist euer Kumpel, der gerade selbst verzweifelt nach dem Morph Ball sucht. Der wiederum liegt … richtig, bei euch in Hyrule.
Klingt nach Fieberwahn? Ist aber genau das, was Archipelago macht. Das Community-Projekt ist ein sogenannter Multiworld-Multi-Game-Randomizer – und für mich eine der spannendsten Arten, alte Klassiker heute noch einmal komplett neu zu erleben. Wie gefragt das Ganze ist, zeigt ein Blick auf die Statistik der Seite: In nur sieben Tagen wurden dort zuletzt über 42.000 Spiele generiert und gehostet.
Erst mal die Basics: Was ist überhaupt ein Randomizer?
Wer schon länger in der Retro-Szene unterwegs ist, kennt das Prinzip vermutlich. Ein Randomizer ist eine Modifikation, die die Gegenstände eines Spiels neu verteilt. Normalerweise folgt ein Spiel einer festen Kette: Item A öffnet den Weg zu Item B, B zu C und so weiter. Im Randomizer findet ihr vielleicht zuerst C, dann A und ganz zum Schluss B.
Das verwandelt ein lineares Abenteuer, das ihr vielleicht schon zwanzigmal durchgespielt habt, in ein echtes Puzzle. Plötzlich nützt euch eure jahrzehntelange Routine nur noch bedingt – ihr müsst die Spielwelt mit ganz anderen Augen betrachten. Wo komme ich mit dem, was ich gerade habe, eigentlich hin?
Keine Sorge übrigens vor Sackgassen: Der Generator arbeitet mit einer festen Logik, die sicherstellt, dass jedes nötige Item auch erreichbar ist. Wer will, kann zusätzlich Glitches und Tricks in die Logik aufnehmen lassen – dann liegt der Hookshot eben auch mal an einer Stelle, die nur mit einem Clip durch die Wand erreichbar ist.
Multiworld: Wenn eure Items in fremden Welten liegen
Jetzt wird es interessant. Ein Multiworld-Randomizer würfelt nicht nur ein Spiel durcheinander, sondern gleich mehrere – für mehrere Spieler. Jeder bekommt seine eigene, zufällig gemischte Version, in der Community „Welt“ genannt. Findet Spieler A dabei ein Item, das eigentlich Spieler B gehört, wird es übers Internet direkt in dessen Spiel geschickt.
Das Ergebnis ist ein kooperatives Erlebnis, wie man es so kaum kennt: Ihr seid aufeinander angewiesen. Jedes Kistchen, das ihr öffnet, kann der Schlüssel für das Weiterkommen eines Mitspielers sein. Und umgekehrt sitzt ihr manchmal einfach da und hofft, dass irgendwer endlich eure Flossen findet.
Das eigentliche Alleinstellungsmerkmal von Archipelago ist aber der Zusatz Multi-Game. Klassische Multiworlds funktionieren nur, wenn alle dasselbe Spiel spielen. Archipelago dagegen verbindet völlig unterschiedliche Titel zu einem gemeinsamen Spiel. Ihr zockt Ocarina of Time, eure Partnerin Stardew Valley und ein Freund DOOM – und alle schieben sich munter gegenseitig Gegenstände zu.
Ein Paradies für Retro-Fans (und nicht nur für die)
Die offizielle Liste umfasst aktuell rund 80 Spiele, und die liest sich für Leute wie mich wie ein Best-of meiner Kindheit. Ein paar Highlights:
- Atari & NES: Adventure, The Legend of Zelda, Final Fantasy, Mega Man 2 und 3, Faxanadu
- Master System: Zillion
- Game Boy & GBA: Link’s Awakening DX, Super Mario Land 2, Pokémon Rot/Blau und Smaragd, Castlevania: Circle of the Moon, Mario & Luigi: Superstar Saga, Mega Man Battle Network 3
- SNES: A Link to the Past, Super Metroid, Super Mario World, Yoshi’s Island, EarthBound, Secret of Evermore, Lufia II, Kirby’s Dream Land 3, Final Fantasy Mystic Quest
- Mega Drive: Landstalker
- N64 & Co.: Super Mario 64, Ocarina of Time, Castlevania 64, Gauntlet Legends
- PS2 & GameCube: Jak and Daxter, Kingdom Hearts 1 und 2, The Wind Waker, Sonic Adventure 2 Battle
- PC-Klassiker: DOOM, DOOM II, Heretic
Daneben gibt es jede Menge moderne Indies und PC-Spiele: Hollow Knight, Celeste, TUNIC, Timespinner, Blasphemous, A Short Hike, Undertale, Factorio, Terraria, Subnautica oder sogar Dark Souls III und Civilization VI. Der wohl absurdeste Eintrag: Selbst Microsoft Paint wurde zu einem Archipelago-Spiel umgebaut – inklusive Werkzeugen, die ihr erst freischalten müsst.
Und das ist nur der offizielle Teil. Die Community bastelt fleißig an weiteren Welten, die ihr als sogenannte Custom Worlds nachinstallieren könnt.
Wie komme ich rein? Und muss ich dafür Freunde haben?
Kurze Antwort auf die zweite Frage: Nein. Jedes unterstützte Spiel lässt sich auch als reines Einzelspieler-Erlebnis generieren. Am schnellsten geht das direkt über die Website: Spiel aussuchen, auf der Optionsseite die gewünschten Einstellungen festlegen, Spiel generieren – fertig.
Für eine echte Multiworld ist der Ablauf grob so:
- Jeder Mitspieler legt für sein Spiel eine Einstellungsdatei (YAML) an – entweder über die Optionsseite auf archipelago.gg oder per Hand.
- Alle Dateien werden zusammen generiert, wahlweise auf der Website oder mit der lokalen Archipelago-Software.
- Das fertige Spiel wird auf archipelago.gg gehostet, alle verbinden sich mit ihrem jeweiligen Client.
Ein wichtiger Hinweis: Archipelago liefert keine Spiele mit. Für die Konsolenklassiker benötigt ihr eure eigenen ROMs, die dann gepatcht werden, für PC-Spiele eine eigene Kopie. Der erste Einstieg erfordert also ein bisschen Bastelei mit Emulator und Client – die Setup-Guides auf der Website erklären das aber Schritt für Schritt, und im offiziellen Discord helfen euch erfahrene Spieler weiter.
Gespielt wird entweder synchron („Sync“), also alle gleichzeitig, etwa an einem gemeinsamen Abend mit Discord-Call. Oder asynchron („Async“), dann zockt jeder in seinem eigenen Tempo über Tage oder Wochen hinweg. Für Leute mit Familie und Job – so wie mich – ist gerade Letzteres Gold wert. Und wer frühzeitig aussteigen muss, kann sein Spiel per „Release“ freigeben: Dann werden alle Items aus der eigenen Welt automatisch an die übrigen Spieler verschickt, sodass niemand hängen bleibt.
Fazit: Retro-Gaming als Gemeinschaftsprojekt
Archipelago ist für mich eines dieser Projekte, die zeigen, was die Community auf die Beine stellen kann, wenn genug Herzblut drinsteckt. Das Ganze ist kostenlos, Open Source und wird von zahlreichen Freiwilligen auf GitHub weiterentwickelt.
Spiele, die man in- und auswendig kennt, werden plötzlich wieder zu echten Rätseln. Und das Zusammenspiel verschiedener Titel sorgt für Momente, die kein Entwickler je geplant hat – etwa wenn ein Stardew Valley-Farmer beim Angeln den Master Key für Super Metroid aus dem Teich zieht.
Ja, der Einstieg erfordert etwas Geduld und Einlesen. Aber wer Retrospiele liebt und Lust hat, seine alten Lieblinge gemeinsam mit Freunden neu zu entdecken, sollte sich Archipelago unbedingt mal anschauen. Mehr Infos, die komplette Spieleliste und die Setup-Guides findet ihr auf archipelago.gg.
