Cronos: The New Dawn ist nach dem Silent Hill 2 Remake das nächste Survival-Horror-Abenteuer aus dem polnischen Hause Bloober Team. Während das Studio zuvor meist mit eher mittelmäßigen Spielen von sich reden machte, gelang ihm mit der Neuauflage von Silent Hill 2 ein enormer Achtungserfolg. Endlich konnte Bloober mit den Großen des Genres mitreden.
Mit Cronos soll nun der nächste große Wurf folgen. Als Vorbild dient dabei der Sci-Fi-Horror von Dead Space, der jedoch mit eigenen Ideen und Ansätzen weiterentwickelt werden soll. Wie gut dieses Konzept aufgeht – und warum es mir so schwerfällt, dem Spiel eine abschließende Wertung zu geben – klären wir im folgenden Test.
Story – Zeitreisen in eine zerstörte Welt
Polen in den Achtzigerjahren. Nach einem einschneidenden Ereignis, das als The Change bekannt ist, hat die Welt kaum noch etwas mit der zu tun, die wir heute kennen. Menschen haben sich in sogenannte Orphans verwandelt – groteske Monster, die stark an die Kreaturen aus Das Ding erinnern. Die Zivilisation ist daraufhin vollständig zusammengebrochen.
Unbestimmte Zeit nach dieser Katastrophe schlüpfen wir in die Rolle des Travelers, der von der Organisation The Collective entsandt wird. Unsere Aufgabe besteht darin, in der Zeit zurückzureisen und ausgewählte Schlüsselpersonen zu „extrahieren“, die den Change eigentlich nicht überlebt haben. Warum und zu welchem Zweck? Das findet ihr erst im Laufe des Spiels heraus.
Zu Beginn präsentiert sich die Geschichte bewusst kryptisch. Viele Details müssen über Tagebucheinträge und Audio-Logs zusammengesetzt werden – zumindest dann, wenn man mehr über die Welt von Cronos erfahren möchte. Im Spielverlauf wird zunehmend klarer, welchem Zweck die Missionen dienen sollen – was ich aus Spoilergründen natürlich nicht verraten werde. Nur so viel: Mit dem Ende habe ich nicht gerechnet.
Wie bereits erwähnt, wird ein Großteil der Geschichte über Briefe und Audio-Logs erzählt. Das gefällt mir grundsätzlich nicht – vor allem dann, wenn sich diese Erzählweise über einen langen Zeitraum zieht. Zudem kommt stellenweise wieder der typische Bloober-Holzhammer zum Einsatz, um bestimmte Ereignisse – in diesem Fall COVID-19 – ins Spiel zu übertragen. Es wirkt zumindest so, als hätte man die Pandemie und ihre Folgen unbedingt thematisieren wollen.
Nichtsdestotrotz hat mich die Geschichte mit zunehmender Spielzeit gepackt und zählt für mich definitiv zu den Stärken des Titels.
Gameplay – Gute Ideen mit Identitätsproblemen
Spielerisch bedient sich Cronos bei vielen anderen Genrevertretern – was per se nichts Schlechtes sein muss. Als Traveler stehen uns mehrere Waffen zur Verfügung, um die missgebildeten Monstrositäten ins Jenseits zu schicken.
Eine Mechanik hat mir dabei besonders gefallen: Einige Waffen lassen sich aufladen, um einen deutlich stärkeren Schuss abzugeben. Da Munition in Cronos ein äußerst rares Gut ist – dazu später mehr –, ergibt es absolut Sinn, nicht panisch ein ganzes Magazin in einen Gegner zu pumpen, sondern gezielte, aufgeladene Schüsse auf deren Schwachstellen zu setzen.
Habt ihr eure Feinde besiegt, kommt eine Mechanik ins Spiel, die man bereits aus dem Resident Evil 1 Remake oder The Evil Within kennt: Ihr müsst die Leichen verbrennen. Andernfalls absorbieren andere Monster ihre gefallenen Artgenossen und entwickeln sich zu stärkeren Gegnern mit neuen Fähigkeiten. Aus normalen Armen werden beispielsweise Tentakel mit großer Reichweite oder die Haut lässt nur noch an bestimmten Stellen Schaden zu.
Eine grundsätzlich interessante Idee, die sich jedoch mit der Zeit zu schnell abnutzt. Die Evolutionsstufen bleiben immer identisch und nehmen der Mechanik den Überraschungseffekt. Hier hätte ich mir deutlich mehr Variationen gewünscht.
Starke Bosskämpfe, nervige Standardgegner
Die Bosse und Zwischenbosse gehören für mich zu den Highlights des Spiels. Immer wieder neue – wenn auch verwandte – Mechaniken sorgen dafür, dass sich die Kämpfe frisch anfühlen. Nach jedem Sieg hat man das Gefühl, tatsächlich etwas Großes überwunden zu haben.
Dem gegenüber steht jedoch ein Gegnertyp, der mir teilweise die Lust am Spiel genommen hat. Immer wieder trefft ihr auf Kreaturen, die in Wänden hängen und euch bei Sichtkontakt mit Tentakeln beschießen. Diese Gegner müssen fast immer erschossen werden, um Schaden zu vermeiden. Da Munition jedoch knapp ist, wirkt dieses Design für mich fragwürdig – insbesondere für einen Survival-Horror-Titel. Genau hier liegt eines der größten Probleme von Cronos.

Ressourcenmanagement – Survival oder Action?
In einem Genre, das stark vom Ressourcenmanagement lebt, empfinde ich Arenakämpfe zunächst als fehl am Platz. Spiele wie Resident Evil 4 oder Dead Space lösen dieses Problem deutlich eleganter, indem während der Kämpfe neue Munition gefunden werden kann.
Cronos geht hier einen anderen Weg. Geht euch während eines Arenakampfes die Munition aus, bleibt euch nur der Nahkampf. Die Protagonistin beherrscht zwar Schlag- und Stampfangriffe, diese richten jedoch kaum Schaden an und dienen hauptsächlich zum Zerstören von Kisten.
Das führte bei mir häufig dazu, dass ich mich gerade so in den nächsten Speicherraum retten konnte, nur um anschließend erneut ohne Ressourcen in einen Kampf gezwungen zu werden. Dann stellt sich die Frage: Lade ich einen alten Spielstand oder gehe ich zurück, um doch noch Ausrüstung zu finden?
Für mich war diese Designentscheidung fast schon ein Dealbreaker, weil Cronos sich an diesen Stellen nicht entscheiden kann, ob es Survival-Horror oder Actionspiel sein möchte.
Das macht das Spiel gleichzeitig zu einem der schwierigsten Genrevertreter, die ich bisher gespielt habe. Mir ist bewusst, dass die „Git-Gud“-Fraktion solche Aussagen liebt – für mich funktioniert dieser „Weder Fisch noch Fleisch“-Ansatz jedoch nicht und macht das Spiel stellenweise unnötig frustrierend.
Crafting, Fortschritt und Rätsel
Neben Munition und Medikits sammelt ihr Rohstoffe, aus denen sich neue Gegenstände herstellen lassen. Sehr gelungen ist dabei, dass sich Patronen direkt über das Waffenmenü craften lassen, ohne ins Inventar wechseln zu müssen – besonders wichtig, da das Spiel auch währenddessen weiterläuft.

An Speicherorten befinden sich Shops, in denen Waffen und Anzug aufgerüstet sowie Gegenstände gekauft oder verkauft werden können. Die benötigte Währung findet ihr in der Spielwelt oder erhaltet sie durch den Verkauf von Fundstücken. Besonders wertvoll sind dabei seltene Objekte wie alte Konsolen oder Kameras.
Rätsel gibt es ebenfalls, diese bleiben jedoch meist eher simpel. Häufig geht es um Zeitmanipulation, Gravitation oder das Finden von Schlüsseln. An bestimmten Stellen entdeckt ihr Anomalien, die sich mit eurer Waffe manipulieren lassen. Dadurch können zerstörte Brücken repariert oder neue Wege freigelegt werden.
Die Idee funktioniert anfangs gut, nutzt sich jedoch ähnlich schnell ab wie die Gegnermechanik. Teilweise erinnert das System an Singularity. Gleiches gilt für die Gravitationsrätsel: Während man etwa in Dead Space vollständige Bewegungsfreiheit in der Schwerelosigkeit besitzt, bleibt man in Cronos an vorgegebene Sprungpunkte gebunden.
Spielzeit und Wiederholungen – Das größte Problem
Cronos leidet für mich unter demselben Grundproblem wie Silent Hill 2 Remake: Es ist schlicht zu lang. Mein erster Durchlauf dauerte knapp 20 Stunden – und viele Elemente wiederholen sich zu häufig.
Arenakämpfe, Gegnerdesign und Rätsel verlieren dadurch spürbar an Spannung. Auch wirklich gruselig ist Cronos selten, wodurch ein möglicher Nervenkitzel ausbleibt.
Ein gutes Beispiel für unnötige Streckung ist der Bolzenschneider, den ihr früh im Spiel erhaltet. Aufgrund des begrenzten Inventars legt man ihn oft in der Truhe ab. Findet man später eine verschlossene Tür, muss man den gesamten Weg zurücklaufen, das Werkzeug holen, die Tür öffnen, zurückkehren, den Bolzenschneider wieder verstauen und anschließend erneut zurücklaufen, um Items einzusammeln. Da diese optionalen Räume sehr häufig vorkommen, wird das Ganze schnell zur Geduldsprobe.
Technik, Sound und Atmosphäre
Technisch gibt es hingegen wenig zu kritisieren. Cronos sieht hervorragend aus und klingt ebenso überzeugend. Gelegentlich laden in Zwischensequenzen Texturen nach, ansonsten läuft das Spiel stabil. Lediglich Schatten und Lichtquellen zeigen gelegentlich sichtbares Kantenflimmern.

Der Soundtrack bleibt meist dezent, trifft aber zuverlässig die Stimmung. Auch die Soundeffekte überzeugen und vermitteln glaubwürdig eine futuristische Welt. Die englische Synchronisation ist gelungen und passt sehr gut zum Ton des Spiels.
Atmosphärisch funktioniert Cronos insgesamt hervorragend. Unterschiedliche Schauplätze wie Apartments, Krankenhäuser oder Kirchen sorgen für Abwechslung. Trotz der bewusst tristen Farbpalette wirken die Level detailreich und lebendig.
Fazit
Ein Fazit zu Cronos zu ziehen, fällt mir außergewöhnlich schwer. Einzelne Elemente wie Gunplay, Bosskämpfe und grundlegende Survival-Horror-Mechaniken haben mich voll abgeholt. Dem gegenüber steht jedoch eine deutlich zu lange Spielzeit, die sich gestreckt und nicht organisch anfühlt. Zusätzlich werden nervige Gameplay-Passagen zu oft wiederholt.
Wäre Cronos ein etwa acht Stunden langes Spiel gewesen, hätte ich ohne zu zögern eine sehr gute Bewertung vergeben. So bleibt am Ende nur ein solides „Okay“. Vielleicht kann mich ein Durchgang im New Game Plus noch umstimmen.

