Horses ist unangenehm. Horses ist grotesk. Horses macht keinen Spaß. Und genau deshalb ist Horses für mich ein sehr gelungenes Spiel, denn Horses macht klar, dass auch Videospiele Kunst sein können und dürfen.
Diesen Titel zu besprechen, ohne dabei zu viel von dem Erlebnis vorwegzunehmen, ist schwierig. Aber schon anhand der Prämisse sollte klar sein, wohin die Reise geht: als Student Anselmo möchtet ihr eure Kasse etwas aufbessern und nehmt einen 14-tägigen Aushilfsjob auf einem Pferdehof an. Das Besondere daran ist, dass es keine echten Pferde auf diesem Hof gibt. Kurz nach eurer Ankunft stellt ihr nämlich fest, dass die Tiere eigentlich Menschen mit aufgesetzten Pferdemasken sind und trotzdem wie echte Unpaarhufer behandelt werde. Ihr als Spieler bekommt nun innerhalb der 14 Tage immer wieder Aufgaben, die vom Wässern des Gemüsegartens über das Füttern der Menschpferde mit Heu bis hin zur Kastration von sexuell aktiven Hengsten. Und damit habe ich nur einen kleinen Teil der immer abstoßender werdenden Tätigkeiten erwähnt.
Spielerisch ist Horses ganz simpel gehalten. Das Gameplay besteht hauptsächlich aus dem Aufnehmen und Nutzen von Werkzeugen, während ihr euch auf dem Hof in der Egoperspektive umschaut und bewegt. Kleine Minispiele wie das Säubern oder Reiten der Pferde bringen etwas Abwechslung in den Hofalltag, bieten aber keinerlei Herausforderung und haben eigentlich nur symbolischen Charakter, als Horses irgendwie gameplaytechnisch aufzuwerten. Im Prinzip müsst ihr, abseits der täglich wechselnden Aufgaben, nur die richtigen Gegenstände in der richtigen Reihenfolge benutzen, um die Geschichte voranzutreiben. Das kann mitunter etwas nervig sein, wenn man keine genaue Angabe bekommt und nach dem richtigen Item suchen muss.

Die wirkliche Faszination des Spiels liegt in seinem Storytelling und der Interpretierbarkeit des Titels. Um es gleich vorweg zu nehmen: Horses ist auf keinen Fall ein Spiel für jeden und ich kann jeden Menschen verstehen, der damit nicht viel anfangen kann, es langweilig oder auch zu provokant findet. Aber es trifft einen Punkt, der für mich seit jeher in der Wahrnehmung von Videospielen zu kurz kommt: sie sind ein künstlerisches Medium, wie auch Filme oder Musik.
Von Tag zu Tag passieren immer absurdere Dinge, die teilweise weit über das Gewohnte aus Mainstreamtiteln hinausgehen. Themen wie Suizid, sexueller Missbrauch oder Nekrophilie werden nicht nur vage angeschnitten, sondern explizit genannt und gezeigt, ohne dabei in einen Gore-Porn abzudriften. Und ihr als Spieler seid nicht nur Zuschauer, sondern aktiver Teilnehmer. Immer wieder habt ihr die Möglichkeit, durch Auswahlmöglichkeiten in Gesprächen eure Ablehnung zu diversen Dingen zu äußern, im Endeffekt müsst ihr sie aber trotzdem tun, um weiterzukommen.
Auch grafisch geht Horses seinen ganz eigenen Weg. Stummfilmelemente in Dialogen treffen auf echte Filmsequenzen von scheinbar banalen Dingen wie Holz hacken oder das Einschenken von Getränken, extreme Nahaufnahmen von Augen oder Mündern wechseln sich mit (halb-transparentem) Bild-in-Bild Einsatz ab. Stilistisch nutzt Entwickler Santa Ragione Mittel, die vor allem im Filmbereich genutzt werden und schaffen auch dadurch eine künstlerische Ebene, die sich von gängigen Videospielkonventionen abhebt und dem Titel damit einen künstlerischen Anstrich verpasst.

Mit knapp zwei Stunden Spielzeit kann man Horses an einem Abend durchspielen und diese verstörende Geschichte erleben. Das ist einerseits nötig, denn ein längeres Spiel hätte von dem Gameplay sicher nicht getragen werden können, ohne an Spannung und Qualität einbüßen zu müssen, andererseits passt es aber auch zu dem filmischen Anstrich, den Horses äußerlich verpasst bekommen hat.
Wie bereits zu Beginn geschrieben: wirklich viel möchte ich gar nicht über die sich über den 14-tägigen Zeitraum erstreckende Psychohorror-Reise erzählen, da das meiner Meinung nach den Effekt des Spiels erheblich schmälert. Die Abgründe des Hofherrens zu erleben und immer weiter in diesen Albtraum abzutauchen macht viel von Horses aus und war für mich der Hauptgrund, diesen Titel direkt an einem Stück durchzuspielen.
Was ich an dieser Stelle aber noch unbedingt erwähnen möchte und auch so ein wenig den Einstieg bezüglich Kunst in Videospielen erklärt: ich finde es eine Sauerei, dass Steam, Epic und Humble Horses aus ihren Stores gebannt haben, ohne eine vernünftige und nachvollziehbare Begründung dafür abzuliefern. Spiele gelten dort wohl nur als Kunst, solange sie nicht näher definierten Standards entsprechen. Kollege SpeckObst hat zu der ganzen Thematik ein sehenswertes Video veröffentlicht, was ich an dieser Stelle einbinden möchte:
Fazit
Horses ist sicher kein Spiel für jeden. Ihr müsst euch auf eine verstörende Reise einstellen, die Themen behandelt, die in dieser Explizität kaum bis gar nicht von anderen Titeln so behandelt werden. Das Gameplay reißt keine Bäume aus und ist ein simples Vehikel, um die Geschichte immer weiterzutreiben, funktioniert aber dafür relativ gut und trägt außerdem zur Interpretierbarkeit des Spiels bei. Auch grafisch betritt Horses frische Wege und sieht aus wie ein experimenteller italienischer Film aus den 1970ern. Die Santa Ragione Studios haben für mich eine außergewöhnliche Erfahrung geschaffen, die ich so nicht auf dem Zettel hatte, im Nachhinein aber froh bin, sie für knapp 5€ erlebt zu haben. Wenn ihr auch nur ein bisschen Sympathie für Spiele dieser Art haben solltet: schaut es euch unbedingt an. Ansonsten macht ruhig einen Bogen um Horses oder schaut euch ein knackiges Let’s Play auf YouTube dazu an.


